Bühne frei für die Mini-Band

Die verschwundene Predigt

„Ich mach heut die Kerzen.“ Michaela schnürte den Bändel um ihr weißes Kleid. „Ok, dann mache ich halt die Opferkörbchen“, meinte sie. Marianne lächelte sie dankbar an. „Dafür darf ich nächstes Mal wählen, wer was macht“, sagte Michaela. Marianne nahm ein Zündhölzchen aus der Schachtel und entfachte eine Flamme. Dann zündete sie die beiden Kerzen an. „Habt ihr schon gelesen?“, fragte Anja, die es sich auf der Bank bequem gemacht hatte. Sie streckte eine Zeitschrift in die Höhe. „Da ist ein Poster drin von deinem Lieblingsstar!“ Michaela klatschte begeistert in die Hände. „Das muss ich nachher unbedingt mitnehmen.“

Ein Schrei ließ die Ministranten zusammenfahren. Die Mädchen drehten sich um und blickten zum anderen Ende der Sakristei. Dort raufte sich der Pfarrer seine weißen Haare. „Was soll ich jetzt machen?“, rief er. Die Messmerin, die manche Kinder auch Küsterin nannten, zuckte die Achseln. Hilflos blickte sie auf die Uhr. „Die Messe beginnt in drei Minuten“, murmelte sie. Der Pfarrer warf ihr einen panischen Blick zu. „Dann müssen Sie halt die Predigt ohne Vorlage halten“, meinte die Messmerin. Der Pfarrer schüttelte den Kopf. „Das geht nicht. Ich habe einige wichtige Zitate aufgeschrieben, die ich unbedingt brauche! Ohne die geht das nicht!“ Die Messmerin nahm dem Pfarrer die Mappe aus der Hand und kramte im Innern herum. „Sie haben sie tatsächlich vergessen“, sagte die Messmerin. Der Pfarrer warf ihr einen wütenden Blick zu. „Hab ich doch gesagt.“ Fassungslos schüttelte er den Kopf. „Ich habe zwei Mal nachgesehen, ob ich sie ja eingepackt habe und jetzt das...“ „Und gerade heute sind so viele Leute in der Kirche“, verkündete die Messmerin. Auf der Stirn des Pfarrers bildeten sich die ersten Schweißtropfen. Sein Gesicht wurde immer weißer. Bedrückt schaute er auf den Boden. Er schien angestrengt nachzudenken.

Da fuhr er plötzlich herum und schaute Michaela an. „Genau! Ich hab’s!“ Er wandte sich an Michaela: „Du bist doch mit dem Fahrrad da?“ Sie nickte. „Könntest du schnell ins Pfarrhaus rüberfahren und meine Predigt holen?“ Sie blickte den Pfarrer unsicher an. „Aber die Messe beginnt doch ...“ „Egal“, fuhr ihr der Pfarrer ins Wort. „Du musst dich beeilen. Und bis die Predigt an der Reihe ist, bist du schon wieder zurück.“ Der Pfarrer kratzte sich an der Stirn. „Pass auf, die Blätter liegen auf meinem Schreibtisch im Büro. Du wirst sie schon finden. Es sind drei weiße Blätter mit Computerschrift vollgeschrieben. Hier ist der Schlüssel.“ Michaela fingerte am Bändel herum. Zuerst musste sie doch das Ministrantenkleid ausziehen. Damit konnte sie unmöglich mit dem Fahrrad durch das Dorf düsen. Die Leute würden sie für verrückt halten ... „Dafür reicht die Zeit nicht mehr!“, raunte ihr der Pfarrer zu und schob sie auch schon in Richtung Ausgang. „Aber bitte beeil dich! Du darfst keine Zeit verlieren!“ ........

copyright: stephan sigg